Geschichte eines großen Hauses

Seine Geschichte ist unmittelbar mit dem Schicksal der weitverzweigten Familie derer von Maltza(h)n verbunden. Schloss Kummerow war eines unter mehreren Häusern, von denen aus das alte Adelsgeschlecht über Jahrhunderte bis zur Weimarer Republik das Geschick der Menschen in Mecklenburg und Pommern als Lehnsherren und Beamte der wechselnden Herrscher mitbestimmte. Das Schloss am Kummerower See ist in seiner gesamten Anlage elegant und pragmatisch zugleich und zeugt von den Arbeits- und Machtverhältnissen einer untergegangenen Epoche. Im Mittelpunkt steht das zweistöckige circa 3.000 Quadratmeter große Wohnhaus. Nach rechts und nach links dehnt es sich architektonisch durch Galerien, die mit zweigeschossigen Pavillons abschließen. Alle Elemente zusammen bilden einen geschlossenen Riegel zum See. Der Schlossplatz davor, der Cour d´Honneur, öffnet sich zum Dorf Kummerow und ist von mächtigen Funktionsbauten eingefasst. Sie erzählen davon, dass hier nicht nur residiert, sondern auch erfolgreich gewirtschaftet wurde. Von der Ortschaft her kommend sieht man allein diese repräsentative Seite. Durchschreitet man aber auf einer Achse von der ehemaligen Toreinfahrt zum Wohnhaus sein Hauptportal ins Innere des Corps de Logis, dann das dahinter liegende Vestibül mit seiner prachtvollen Treppenanlage, weiter den sich weitenden Ballsaal und schließlich von hier aus das Gartenportal so öffnet sich der Blick auf die private, komplex kunstvolle und romantische Seite des Hauses. Wir blicken durch wohl arrangierte Baumgruppen in einen Lenné´schen Landschaftsgarten. Er öffnet sich frei zum See hin und von der Anhöhe hinab, auf der sich das Schloss erhebt, überschauen wir das südliche Ende des Kummerower Sees, dessen gesamte Fläche man von hier nur erahnen kann. Tritt man an sein im Park freigelassenes Ufer, bietet seine Länge von circa elf Kilometern einen derartigen Weitblick, dass seine nördlichen Ränder mit dem Himmel verschmelzen. Das gegenüberliegende Ufer hingegen gibt Aussicht auf die auslaufenden Hügelketten der Mecklenburgischen Schweiz, die sich über dem Wasser gegen den Horizont erheben. Die Beschreibung von dem, was wir sehen, gleicht der eines arkadischen Bildes mit gestalteten und facettenreichen Blickachsen. Derart planvoll wurde im Kummerower Park, wie auch in Potsdam oder in Schwerin, eine Naturidee rational in Szene gesetzt, dass man heute noch staunt, wie nachhaltig der Gesamteindruck aus einzelnen Elementen einer gebauten Landschaft, raffiniert komponiert aus Naturbühnen, unser Gemüt anfasst.

Auf der einen Seite des Schlosses, also das rationale Tagwerk aus Verpflichtungen und auf der anderen Seite die emotionale Freiheit aus träumerischen Schatten- und lebhaften Sonnenplätzen und ins Wasser gespiegelt die Hügel einer der schönsten Sehnsuchtslandschaften, die in Deutschland und Mitteleuropa zu finden ist. Heute fasst die offizielle Bezeichnung „Naturpark Mecklenburgische Schweiz und Kummerower See“ all das zusammen, was wir uns als Wanderer, Segler, Radfahrer und Reiter erobern können: Eine Entdeckungsreise von nationalen Kulturgütern, deren Geschichte die Zeitläufe unseres Landes spiegeln.

Bis heute verleiht der Gestaltungswille einzelner, der Epochen und Moden, der Kriege und politischen Systeme dem Haus seine Patina. Unweit des heutigen Schlosses stand ehedem eine Burg, die im Dreißigjährigen Krieg geschliffen wurde und mit ihr die alte Stadt Cummerow. Nur 16 Menschen sollen die Verwüstungen überlebt haben. Was zudem vernichtet wurde, ist die einstige Bedeutung als Stadt. An der Grenze als Markstein zwischen den beiden Landesteilen gelegen, wurde der Ort einmal Mecklenburg und ein anderes Mal Pommern zugeschrieben und so versteckt sich seine geschriebene Historie bald hier bald dort: In den alten Beschreibungen Preußens, Brandenburgs, Pommerns, Vorpommerns und schließlich Mecklenburg-Vorpommerns. Kummerow war eine slawische Gründung und wurde von Heinrich dem Löwen und den Maltzahns germanisiert. Die Familie wurde von den Schweden enteignet und nahm sich ihre Güter bald wieder zurück. Sie zerstritten sich in Erbangelegenheiten, heirateten glücklich in einflussreiche Familien oder erschossen sich in Duellen. Sie beuteten aus und beschützten und sie gestalteten gemäß ihrer Macht und Stellung das Land.

1730 wurde Schloss Kummerow im Stil des Spätbarocks, oder bildhafter ausgedrückt, in der Typologie des Versailler Vorbilds fertiggestellt und erst 100 Jahre später durch den Landschaftspark erweitert. Immer wieder erlebte das Gut durch das lebhafte Schicksal seiner Besitzer Zeiten der Verwaisung. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Haus und der Park umfangreich renoviert. In der Weimarer Republik und während des Nationalsozialismus bis 1945 erfuhr das Gut durch Mortimer von Maltzahn eine neue Blütezeit als Großgrundbesitz. Mortimer wurde der erste gewählte Bürgermeister und passte sich den neuen Machtverhältnissen bis zu seiner Enteignung durch die Bodenreform der frühen DDR hervorragend an.

Nach 1945 wurde das Schloss durch sowjetische Kräfte besetzt und als Quarantänelager für Flüchtlinge und ehemalige Zwangsarbeiter umfunktioniert. In den folgenden 40 Jahren bis 1993 wurde die Schlossanlage verschiedentlich von der Gemeinde genutzt. Eine Konsumverkaufsstelle mit Gastwirtschaft, die Bürgermeisterei, eine Grundschule, ein Kindergarten und eine Oberschule befanden sich hier. 1985 ging die Anlage in das Eigentum der Deutschen Post (DDR) über.

1993 wurde es in Privatbesitz verkauft und sollte zunächst als Hotel ausgebaut werden. Diese Pläne wurden jedoch nicht realisiert.

2011 ging Schloss Kummerow in den Besitz des jetzigen Eigentümers über, der das Schloss als öffentlich zugängliche Kunsthalle ausstatten und mit seiner Fotografischen Sammlung bespielen wird. Sein Sanierungskonzept umschließt die Spuren der Vergangenheit und setzt sichtbar nur dort Neues, wo Fehlstellen entstanden sind.

Eine erste Ausstellung zum Tag des offenen Denkmals am 20. September 2015 zog 4.000 Besucher an. Mit dem Werk des Dresdner Malers Eberhard Göschel wurde die Art des Umbaus erfolgreich unterstrichen. Die Wahl des Künstlers und das Sanierungskonzept gingen hier Hand in Hand, um den Geist der erhaltenen Spuren mit der Malweise des Künstlers aufzuladen und seine künstlerische Haltung interessant mit der Geschichte des Hauses zu verzahnen. Hinterlassene Spuren, die vom Leben in wechselnden Ideologien erzählen. So steht im Spiegelsaal, erhalten als alte Wandbemalung: "Ich bin das Schwert! Ich bin die Flamme! Ich habe euch erleuchtet in der Dunkelheit, und als die Schlacht begann, focht ich voran, in der ersten Reihe.“ Auch wenn die Zeitläufte das Heine Zitat seiner ehemaligen sozialistischen Propaganda entleert haben, soll es das Haus in seiner collagehaften Erscheinung mit feudalen Versatzstücken zu neuem Leben anfeuern.

Zeittafel

1222 Erste urkundliche Erwähnung als Cummerow

1236 Eroberung der Burg Kummerow. Johann de Mulsan (Ahnherr der Maltzahns) wird als Burgvogt eingesetzt.

1240 Kummerow wird Pommern zugesprochen.

1255 Kummerow erhält das Stadtrecht.

1322 Die Maltzahns verlieren die Vogtei. Es folgen Jahrzehnte des schnellen Besitzerwechsels durch Konflikte in der Grenzregion.

1481 Die Maltzahns erhalten die Vogtrechte in Kummerow zurück. Es folgen Konflikte über Gebietsansprüche und Frohndienste mit den Stadtbürgern und dem Kloster Dargun.

1532 Das Erbmarschallamt der Moltans zu Osten, Wolde und Kummerow wird geregelt. Jeweils dem ältesten des Geschlechts fällt dieses Amt zu.

1578 Hartwig Maltzahn überfällt nach langjährigen Auseinandersetzungen über Frohndienste und Landaneignungen die fronpflichtigen Dörfer und pfändet die Bauern aus.

1588 Hartwig Maltzahn beginnt einen ersten Hexenprozess gegen eine Bäuerin, die auf dem „Gerichtsberg“ verbrannt wird.

um 1600 Die Junkerfamilie Moltzan bewohnt die Wasserburg Kummerow.

ab 1618 Der Dreißigjährige Krieg führt zu großen Verwüstungen in Kummerow. Die Burg war teilweise zustört.

1652 Westfälischer Friede. Kummerow steht unter schwedischer Herrschaft.

an 1700 Hans Jakob Maltzahn löst die Kummerower Güter wieder ein.

1720 Im Friedensvertrag zwischen Preußen und Schweden fiel Kummerow dem Königreich Preußen zu. Die pommerschen Maltzahns kamen in unmittelbare Lehensabhängigkeit von Berlin, blieben aber ideell der schwedischen Krone verpflichtet. Aus ihren Reihen tritt der jüngste von drei Brüdern, Alex Albrecht II, heraus und schwört dem König von Preußen den Treueeid und erhält somit das Erblandmarschallamt.

1724 Alex Albrecht II zieht nach Kummerow.

1725 Auf dem Gelände der Wasserburg am See befindet sich das mittelalterliche Wohnhaus mit Turm. Es brennt in diesem Jahr mit all seinen Nebengebäuden ab. Der Bau des heutigen Schlosses beginnt. Die Anlage folgt dem Typus des Schlosses von Versailles.

1730 Fertigstellung des Schlosses. Die Meierei Axelhof ensteht.

1734 Kummerow erhält Sonderrechte um Gewerbe anzusiedeln.

1740/41 erster veranlasster Schulunterricht in Kummerow. Die Maltzahns erhalten einen großen Lehensbrief vom preußischen Staat und sind auf dem Höhepunkt ihrer Macht.

1761 Schloss Ivenack geht an den 2. Sohn Axel Albrechts von Maltzahn.

1763 erste allgemeine Schulpflicht veranlasst durch preußisches Recht.

1797 Erbvergleich zwischen den Brüdern von Maltzahn.

um 1830 Überformung des barocken Schlossgartens im Geschmack der Zeit in einen Landschaftspark nach Ideen von Peter Joseph Lenné.

1857 Kummerow ist im Besitz des Kammerherrn Landschaftsdirektors Rudolf von Maltzahns auf Vollratsruhe im Mecklenburgischen. Das Schloss ist verwaist.

1895 Mortimer Bogislaw Ernst August von Maltzahn wird auf Schloss Kummerow geboren. Er ist der letzte Baron von Maltzahn auf Schloss Kummerow. Seine Ehe bleibt kinderlos.

1918 Nach dem Ende des ersten Weltkrieges und dem Beginn der Weimarer Republik verlieren die Maltzahns ihre Erbansprüche auf politische Ämter. Mortimer von Maltzahn lebt mit seiner Frau auf Schloss Kummerow und gestaltet das damals 250 Jahre alte Schloss und den Landschaftspark neu.

bis 1933 Mortimer von Maltzahn führt das Gut geschickt durch die Weltwirtschaftskrise. Politisch orientiert er sich an den aufstrebenden rechten Kräften.

1933 -1942 Schloss und Gut befinden sich wirtschaftlich im Aufschwung. Mortimer von Maltzahn ist politisch aktiv.

ab 1943 Aufnahme von Evakuierten und Flüchtlingen.

1945 Russische Einheiten rücken in Kummerow ein. Schloss und Gutsgebäude dienen als Quarantänelager. Tausende ehemalige Zwangsarbeiter werden hier versorgt und durchgeschleust. Rückkehr und Verhaftung Mortimer von Maltzahns. Durch die Flüchtlinge verdoppelt sich die Einwohnerzahl von 325 auf über 700.

1947/48 Die alten Besitzverhältnisse werden aufgelöst und enteignet. Mortimer von Maltzahn geht nach Düsseldorf und betreibt dort erfolgreich eine Reinigung. Das Wohnhaus des Schlosses wird an die Gemeinde zum Zwecke verschiedenster Nutzungen übergeben und die Gutshäuser fallen der LPG „Völkerfreundschaft“ zu. Sowohl Schloss als auch Dorf werden modernisiert und den neuen Ansprüchen angepasst. Sie werden als Konsumverkaufsstelle mit Gastwirtschaft, Bürgermeisterei, Schule, Kindergarten, Kulturraum, FDJ-Raum, aber auch zu Wohneinheiten umgeformt.

1964 Renovierung des Wohnhauses von Schloss Kummerow.

1980er Dachdeckung aus Biberschwanzziegeln entfernt und durch Betonsteine ersetzt.

1985 plante die Deutsche Post, das Schloss für das Kombinat des Fernmeldewesens als Schulungs- und Erholungsstätte auszubauen.

1992 Verkauf des Schlosses an einen Privatmann. Leerstand und Verfall.

2011 Versteigert an den jetzigen Besitzer. Es folgt die Fertigstellung des neuen Daches und der ehemaligen jetzt wiedereingesetzen barocken Gauben.

2015 Erste Nutzung als Ausstellungshaus mit Werken von Eberhard Göschel.

2016 Eröffnung der Fotografischen Sammlung – Schloss Kummerow.